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Tonal und Nagual nach Don Juan bei Carlos Castaneda
(english version of this text)

Durch das Lesen der Bücher von Carlos Castaneda stieß ich auf den Begriff des Nagual. Er wird dort anders verwandt als herkömmlich beschrieben (s.a bei Wikipedia über den Begriff des Nagual: https://de.wikipedia.org/wiki/Nagual ).

Für mich entstand jedoch, in der Art wie Don Juan, der Protagonist in Castanedas Büchern, diesen Begriff benutzte, der Zugang zu einer Welt der unbegrenzten Wunder und Möglichkeiten, zur Anderswelt.

Ich versuche dies hier zu beschreiben und auf Zitate aus Carlos Castaneda: "Der Ring der Kraft" hinzuweisen, welche in mir dieses Bild des Naguals erzeugten.

Es fügt sich für mich zu dem Begriff des Wu wei bei Lao Tse hinzu (https://de.wikipedia.org/wiki/Wu_wei) , dem Nicht-Tun, dem Anhalten des Denkens ("Anhalten der Welt" bei Don Juan, s.u.), dem Flow, aus welchem für mich die "innere Kraft" (bei Don Juan "persönliche Kraft") erwächst. Diese ermöglicht den Zugang zum Nagual, zu den vielfältigen Ebenen* der Wirklichkeit, zu den "Taten der Kraft" (s.u.). Dadurch bestehen Möglichkeiten für Veränderungen und Heilungen.

* Aus meiner diesbezüglichen Erfahrung finden Lösungen in der Regel auf einer anderen Ebene statt, als auf der, in welcher sie bestehen. Sie bedürfen, um lebensförderlich zu sein der "Makellosigkeit" (s.u.)  = Bescheidenheit  =  keinem durch Denken gefüttertem Ego. Hier schließt sich der Kreis zum Wu wei, zum "Anhalten der Welt" (s.u.).



Das Tonal wird bei Castaneda als die uns bekannte Welt dargestellt:

"»Das Tonal, das ist alles, was wir sind «, fuhr er fort. »Schau
dich um! Alles, wofür wir Wörter haben, ist das Tonal. ...«
" (s.137)



Dem gegenüber wird das Nagual als eine Welterfahrung außerhalb des Benennbaren definiert:

"» ... Es kommt darauf an, das Tonal davon zu überzeugen, daß es noch andere Welten geben kann, ...«" (S.192)
"» ... bei bestimmten Gelegenheiten oder unter gewissen, besonderen Umständen wird etwas im Tonal sich dessen bewußt, daß es in uns noch etwas anderes gibt. Es ist wie eine Stimme, die von tief innen kommt, die Stimme des Nagual. ...
Dies ist stets ein Schock, denn dieses Bewußtsein unterbricht die Windstille. ...«
" (S.148)
"» ... Die Dinge des Nagual können nur mit dem Körper, nicht mit der Vernunft erfahren werden.«" (S.175)


Es wird als eine Kraft beschrieben, aber auch mit Anklängen an seelische Eigenschaften:

"» ... Das Nagual ist dort, wo die Kraft schwebt. ...«" (s.142)
"» ... Das Tonal beginnt bei der Geburt und endet mit dem Tod, aber das Nagual endet niemals. Das Nagual ist grenzenlos. Ich habe gesagt, das Nagual sei dort, wo die Kraft schwebt. Das war nur eine Benennung. Aufgrund seiner Wirkung läßt das Nagual sich vielleicht am besten als Kraft verstehen. ... «" (S.157)


Aber es braucht, um es zu erfahren auch das, was ich als "innere Kraft" bezeichne:

"» ... es ist eine Kunst, denn die Zauberer wissen, daß das Nagual nur auftauchen kann, wenn das Tonal verstärkt wird. Siehst du, was ich meine? Diese Verstärkung nennt man persönliche Kraft.«" (S.179)
»Ihr werdet, allein durch die Stärke eurer persönlichen Kraft, in das Nagual und das Tonal eintreten. ...«
" (S.309)



Das Nagual entzieht sich der Festlegung, des Habenwollens. Es fordert das Einlassen auf Undefiniertes, auf Ambiguität, auf, wie ich es nenne, "multiple Berührungen", auf die seelische Ebene, auf Zeitlosigkeit und Aufhebung unserer normalen Raumerfahrung:

"»Wenn man es mit dem Nagual zu tun hat, soll man es nie direkt anschauen«, sagte er. »Heute morgen hast du es angestarrt, und deshalb verließen dich die Kräfte. Die einzig mögliche Art, das Nagual anzusehen, ist, so zu tun, als ob es etwas ganz Alltägliches sei. Und man muß blinzeln, um die Fixierung zu lösen. Unsere Augen sind die Augen des Tonal oder genauer gesagt, unsere Augen sind durch das Tonal geschult, ... «" (S.191)




Der Zugang zum Nagual erfolgt für mich nicht über etwas Sensationelles, Großartiges, sondern über ein fast unscheinbares Gefühl, fein wie ein Bindfaden, auf den ich meine Achtsamkeit lenke. Ich halte mich an ihm fest, oder sollte ich sagen: etwas in mir heftet sich an ein sehr zartes Gefühl im Raum, lasse mich von ihm ziehen, und gelange über dieses in die Anderswelt:

"»... Diese Faser ist der Weg zum Nagual. Oder ich könnte auch sagen, der Krieger sinkt durch diese einzelne Faser in das Nagual ein. ...«" (S.198)



Es ist der Ort der unendlichen Möglichkeiten und Wunder:

"» Man kann sagen, daß das Nagual für die Kreativität verantwortlich
ist«, sagte er schließlich und sah mich durchdringend
an. »Das Nagual ist der einzige Teil in uns, der etwas schaffen
kann.«
" (S.157)
"» ... Wenn das Nagual die Führung übernimmt, sind ungewöhnliche Dinge möglich. Aber ungewöhnlich sind sie nur für das Tonal. ...«" (S.175)
"»Das Nagual kann außerordentliche Dinge vollbringen«, sagte er.
»Dinge, die nicht möglich erscheinen, Dinge, die für das Tonal
unvorstellbar sind. ...«
" (S.197)


Aber auch der Ort, von welchem aus Veränderungen und Lösungen erfolgen:

"» ... Das Tonal weiß nicht, daß Entscheidungen dem Bereich des Nagual angehören. ...«" (S.272)




Dieser Zugang zu den unendlichen Möglichkeiten, zu dem Auslösen von unerwartbaren Lösungen und Wundern wird von Don Juan als "Taten der Kraft" benannt:

" ... um Taten zu vollbringen, die unter gewöhnlichen Umständen unvorstellbar seien. ..." (S.55)

"» ... Du kannst nicht in den Mutterleib deiner alten Welt zurückkehren, aber du kannst auch noch nicht durch die Kraft handeln. Für dich gibt es nur eines: die Taten der Kraft beobachten und den Erzählungen - den Erzählungen der Kraft - zuhören. ...«" (S.67)


Diese sind jedoch nicht im herkömmlichen Sinne steuerbar, sondern hängen von der eigenen Makellosigkeit ab, da das Nagual unmittelbar auf die eigenen Einstellungen reagiert. Davon abgesehen ist sie auch zum Erlangen der "inneren Kraft" unabdingbar:

"» ... Sobald er eingesunken ist, ist die Ausdrucksform des Nagual
eine Frage seines persönlichen Temperaments. Ist der Krieger
lustig, dann ist das Nagual auch lustig. Ist der Krieger verdrossen,
dann ist das Nagual auch verdrossen. Ist der Krieger böse, dann
ist das Nagual auch böse. ...«
" (S.198)
"» ... Ein Krieger hat nur Zeit für seine Makellosigkeit. Alles andere zehrt seine Kraft auf. Makelloses Tun lädt sie wieder auf.«" (S.216)

Vielleicht nicht erstaunlich, wird sie als Bescheidenheit beschrieben!
Und hier schließt sich für mich der Kreis zu Lao Tse`s Nicht-Tun. Denn auch dieses erfordert ein Abkehr von einer Ich-Zentriertheit. Ein Einlassen auf  Handlungen des Nicht-Tuns, des Ego-Abbaus:

"» ... Der Krieger strebt nach Makellosigkeit in seinen eigenen Augen und nennt dies Bescheidenheit. ...«" (S.14)




Das "Anhalten der Welt" , eine zentrale Voraussetzung, um das Nagual zu erleben, erscheint dem Zustand der Meditation, dem Beenden des nur um sich kreisenden Denkens, dem Flow, dem Tao sehr verwandt zu sein:

"»Unsere Vorstellung, unsere Ansicht von der Welt zu ändern, das ist der springende Punkt bei der Zauberei«, sagte er. »Und das Anhalten des inneren Dialogs ist die einzige Möglichkeit, dies zu erreichen. ...«" (S.21)

"» ... Wie alles, was Kraft in sich trägt oder selbst Kraft ist, entgeht das >Richtige Gehen< unserer Aufmerksamkeit. Du hast es, zumindest viele Jahre lang, als eine komische Verhaltensweise verstanden und aufgefaßt. Erst letzthin dämmerte dir, daß es das wirksamste Mittel ist, deinen inneren Dialog anzuhalten.«
»Wie kann das >Richtige Gehen< den inneren Dialog anhalten?« fragte ich. »Diese besondere Art zu gehen überflutet das Tonal«, sagte er. ...«
" (S.258)
Das "Anhalten der Welt" wird sehr ausführlich in dem Buch "Reise nach Ixtlan" von Carlos Castaneda beschrieben.


Zusammenfassend ergibt sich für mich folgendes Bild:

Das Nagual erfordert eine Loslösung von Ich-Zentiertheit, dem kreisenden Denken um mich selbst und der ständigen Bestätigung meiner Welt. Sie ist dem Anliegen des Wu wei, dem Nicht-Tun, oder dem Nicht-Denken in der Meditation sehr ähnlich.
Der Eintritt in das Nagual erinnert aber auch stark an das Wechseln in andere Seinsebenen in der schamanischen Trance, der mystischen Erfahrung, der visionären Erleuchtung.
"Den Weg des Herzens gehen"*, ein von Don Juan in Castanedas Büchern des öfteren verwendeter Ausdruck, begünstigt, dass die Phänomene der Anderswelt lebensfördernd auf unsere Schwingungen antworten.

Problemlösungen in diesem Sinne, auf anderen Ebenen als der zur Zeit bewussten, zu suchen, hat sich für mich bewährt.
In meinem Prozess des Wu-wei-paintings erlebe ich durch die entstandenen Bilder die unglaubliche Vielfalt dieser Ebenen . Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Begriffe "Nagual" oder auch "Anderswelt" des öfteren in meinen Bildtiteln auftauchen.


* " » ... Ist dieser Weg ein Weg mit Herz? Alle Wege sind gleich: sie führen nirgendwo hin. Es gibt Wege, die durch den Busch führen oder in den Busch. Ich kann sagen, daß ich in meinem eigenen Leben langen, langen Wegen gefolgt bin, aber ich bin nirgendwo. Heute bedeutet die Frage meines Wohltäters etwas. Ist es ein Weg mit Herz? Wenn er es ist, ist der Weg gut; wenn er es nicht ist, ist er nutzlos. Beide Wege führen nirgendwo hin, aber einer ist der des Herzens, und der andere ist es nicht. Auf einem ist die Reise voller Freude, und solange du ihm folgst, bist du eins mit ihm. Der andere wird dich dein Leben verfluchen lassen. Der eine macht dich stark, der andere schwächt dich. «"
Carlos Castaneda "Die Lehren des Don Juan" Eintrag vom Montag, dem 28. Januar 1963




Literatur zum weiterlesen:

Castaneda, Carlos

Die Lehren des Don Juan

Ein Yaqui-Weg des Wissens

Frankfurt a.M., ab 1973, Fischer; zuvor 1972 im März Verlag Darmstadt

u.a. über die vier Feinde auf dem Weg


Castaneda, Carlos

Reise nach Ixtlan

Frankfurt a.M., 1976, Fischer

Die Zusammenfassung seiner ersten 10 Lehrjahre bei Don Juan


Castaneda, Carlos

Der Ring der Kraft. Don Juan in den Städten

Frankfurt a.M., 1978, Fischer


Lao-Tse

Tao Tê King

übersetzt von Victor von Strauß (1870)

Zürich, 1992, 9.Aufl., Manesse

Das Weiche besiegt das Harte.

Laotse

Tao te king

übersetzt von Richard Wilhelm (1910)

München, 2000, Diedrichs, 13.Aufl.

Eine weitere der empfehlenswerten älteren Übersetzungen.




   
Erläuterungen zur Anderswelt


Erläuterung zu den "Ebenenbildern"

 

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